Jahrespressekonferenz des Kraftfahrzeuggewerbes im Land: Rekordumsatz von 26,9 Milliarden Euro, Forderungen an die Politik

STUTTGART. „Autohandel ist kein Zuckerschlecken, aber Politik, Hersteller und Geschäftemacher machen den Kfz-Betrieben das Leben schwerer als nötig“, bilanzierte Dr. Harry Brambach, Präsident des baden-württembergischen Kraftfahrzeuggewerbes beim Jahrespressegespräch des Verbandes in Stuttgart. Das Kfz-Gewerbe hat 2014 einen Rekordumsatz in Höhe von 26,9 Milliarden Euro verbucht. Ausschlaggebend für die Steigerung von 3,9 Prozent sei der Zuwachs im Neu- und Gebrauchtwagengeschäft, während es im Werkstattgeschäft erstmals einen Rückgang gab.

Hier wirkten sich die „Geschäftemacher“ aus, zu denen er bestimmte Versicherungen mit ihrem Schadensmanagement, die selbsternannten Glasspezialisten und manche Werkstattketten mit ihrer aggressiven Werbung rechne: „Weil sie ihren Kunden vorgaukeln, superbillig Superleistung erbringen zu können.“ In Richtung Politik geht die Forderung, Fehler der Vergangenheit auszubügeln. Immer mehr Staus seien das Ergebnis einer verfehlten Straßenbaupolitik: „Es ist den Menschen nicht weiter zumutbar, durch Schritttempo mit ihrer Lebenszeit für Fehlplanungen der Verkehrspolitik zu bezahlen.“ Kritisch sieht Brambach die zunehmende Kriminalität, von der viele Kfz-Betriebe betroffen sind: „Zwölf Millionen Euro Schaden im Jahr 2014 zeigen, dass die Polizei nicht mehr abschreckt.“

2015 werde die Branche vermutlich vom Ersatzbedarf leben – aber Ersatzbedarf verlange Innovation: „In diesem Punkt muss ich den Herstellern ein Kompliment machen, die tun was.  Allerdings tun sie auch was für ihre Kassen und Aktionäre“, so Brambach. In diesem Spannungsfeld behaupteten sich die Kfz-Betriebe nicht nur im Wettbewerb, sie sorgten auch für attraktive Arbeits- und Ausbildungsplätze: „Wir können, was Fachkräfte und Nachwuchs angeht, nicht meckern, unsere Angebote sind attraktiv und ziehen junge Menschen an“, sagte Pressesprecher Klaus Heschke. 

 

Rekordumsatz 2014 mit 26,9  Milliarden Euro

„Das Kfz-Gewerbe im Land hat 2014 einen Rekordumsatz in Höhe von 26,9 (Vorjahr: 25,9) Milliarden Euro verbucht, das ist eine Steigerung um 3,9 Prozent. „Erfreulich“, sagte Brambach, „ist der Ausbau der Marktanteile unserer Betriebe im Gebrauchtwagengeschäft und ein auf 10.090 Euro gestiegener Durchschnittspreis für einen Gebraucht-Pkw.“ Der Marktanteil des Kfz-Gewerbes am gesamten Automarkt sei von 71,9 auf 74,2 Prozent gestiegen. Dabei betrug der Umsatz mit Neu-Pkw 12,1 (Vorjahr: 11,4) Milliarden Euro (plus 5,9 Prozent), der Umsatz mit Gebrauchtwagen 9,6 (Vorjahr: 9,3) Milliarden Euro (plus 4 Prozent). Beim Verkauf neuer und gebrauchter Lkw stieg der Umsatz auf 1,26 (Vorjahr: 1,19) Milliarden Euro (plus 6,2 Prozent).

Ins Minus rutschte nach Jahren des kontinuierlichen Wachstums das Werkstattgeschäft, das als Ertragsbringer gilt, mit einem Umsatz von 3,91 (Vorjahr: 4,04) Milliarden Euro. Dieses Minus von 3,2 Prozent wertete Brambach als „bittere betriebswirtschaftliche Pille“. Pressesprecher Klaus Heschke sieht die Ursache im alten Fahrzeugbestand auf der einen Seite und der wachsenden Zahl junger Fahrzeuge auf der anderen. Die Entwicklung könne sich fortsetzen, denn das auf 9,4 Jahre angestiegene Durchschnittsalter der Pkw in Privathand mache deutlich, dass sich die Branche auf ein verändertes Serviceverhalten einstellen müsse. Denn die Autos werden nicht nur älter, bei den jüngeren Pkw sind auch die Wartungsintervalle doppelt so lang wie die durchschnittliche Jahresfahrleistung mit 14.470 Kilometern. Klaus Heschke: „Die einen kommen nur zu Reparaturen in die Werkstatt, die anderen müssen noch nicht hin. Den Durchschnittskunden sehen wir alle zwei Jahre zum Service.“

Außerdem wachse im Teilegeschäft der Marktanteil der Internetkäufe, mit 13 (Vorjahr: 11) Prozent sei ein neuer Spitzenwert erreicht worden. „Unsere Betriebe reagieren aber bereits darauf“.

Von der neuen Rußpartikelfilterförderung erwarte das Kfz-Gewerbe einen kleinen Serviceimpuls. Heschke sagte, vom bundesweiten Kuchen in Höhe von 30 Millionen Euro für Filterförderungen wollten sich die baden-württembergischen Meisterbetriebe ein gutes Stück abschneiden. Nach den Erfolgen der Rußpartikelfilternachrüstung 2012 und 2013, als rund 23 Millionen Euro in den Südwesten geholt wurden, sei die Erwartung „für 2015 mit bis zu sechs Millionen Euro aber eher bescheiden“.

Das Autojahr 2014 werde alles in allem als zufriedenstellendes Jahr in die Geschichte des Kfz-Gewerbes eingehen, ist das Fazit von Verbandspräsident Brambach, „es überwiegen die positiven Elemente“. Während der Pkw-Gesamtmarkt der Neuzulassungen und Besitzumschreibungen um 0,45 Prozent zurückgegangen sei, hätten die Verkäufe in den Autohäusern um 8,28 Prozent zugelegt. Ursache sei das „außergewöhnlich gute Gebrauchtwagengeschäft im Markenhandel“ mit 362.051 (Vorjahr: 309.779) Verkäufen. Insgesamt wurden 2014 in Baden-Württemberg 1,37 Millionen Pkw verkauft, davon 416.293 Neu- und 957.808 Gebrauchtwagen. Per Saldo sei dies ein Minus von 6.172 Verkäufen: „Unser Plus in einem schrumpfenden Markt ist also doppelt wertvoll und bestätigt die Strategie, auf Qualität im Angebot zu setzen.“

Für 2015 gelte es für die Innungsbetriebe (zu erkennen an dem blauen Meisterschild), die erreichte Positionen auszubauen und im Werkstattgeschäft vielleicht auch wieder zuzulegen. Brambach: „Unser Zentralverband ZDK sagt für 2015 mit 2,95 Millionen Pkw etwas weniger Neuwagenzulassungen voraus, als es 2014 waren, und mit sieben Millionen stabile Gebrauchtwagen-Besitzumschreibungen.“ Der Verband erwarte fürs Land insgesamt 420.000 Pkw-Neuzulassungen und hoffe, dass die Branche rund 960.000 Besitzumschreibungen erreichen könne. Aktuell gibt es im baden-württembergischen Neuwagenmarkt im Januar und Februar ein kleines Plus von 0,8 Prozent. Der Gebrauchtwagenmarkt startete mit einem Minus. „Aber der Autofrühling läuft jetzt an und Geld auf der Bank bringt keine Zinsen, aber ein neues Auto mehr Spaß am Leben.“

 

Versicherungen nutzen Marktmacht aus


„Wenn drei Kfz-Werkstätten Preise absprechen würden, wäre das ein Kartell. Wenn große Versicherungen Kfz-Betrieben betriebswirtschaftlich fragwürdige Stundenverrechnungssätze quasi aufzwingen, um daran zu verdienen, nutzen sie zumindest ihre Marktmacht in fragwürdiger Weise aus“,   beschreibt Klaus Heschke, was hinter dem Begriff Schadenssteuerung steckt. Der Versicherer schickt den Versicherten dahin, wo es für die Versicherung am günstigsten ist, nicht für den Versicherten am besten. „Heute ist es das Auto, in ein paar Jahren die Hüft-OP.“ Überlegungen von Versicherern, ob Reparaturen nicht ins Ausland verlegt werden können, gebe es schon. Wenn Reparaturen sich nur noch am Preis und nicht mehr an der Qualität orientierten, sei das gefährlich: „Aus unserer Sicht sind jetzt schon zu viele rollende Zeitbomben unterwegs. Die freie Wahl der Werkstatt ist ein Recht des Kunden, das nicht ausgehöhlt werden darf.“

 

Windschutzscheiben sind nichts für Bastler

Kritisch sieht Brambach, was sich auf dem Autoscheibenmarkt tut: „Werbung und Wirklichkeit klaffen gewaltig auseinander.“ Die Versicherungen hätten selbsternannte Glasspezialisten  gefördert, „jetzt werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los.“ Das Kfz-Gewerbe halte jetzt mit einem Netzwerk seiner Betriebe unter dem Namen Autoglas-Partner dagegen. „Das Kfz-Gewerbe hat es zugegebenermaßen versäumt, der aggressiven Werbung schon früher Qualitätsargumente entgegenzusetzen:   Unsere Markenbetriebe verbauen nur Originalwindschutzscheiben.“ Originalscheiben seien beispielsweise für alle Fahrzeuge die erste Wahl, deren Scheiben Elektronik, wie etwa Sensoren, enthalten. Außerdem „sind Scheiben tragende Teile des Fahrzeuges, also sicherheitsrelevant und nichts für Experimente“.

 

Kriminelle machen Kfz-Betriebe zu Selbstbedienungsläden


Zwölf Millionen Euro Schaden haben Diebe und Einbrecher 2014 laut Polizeibilanz in Autohäusern und Kfz-Werkstätten im Land angerichtet: „Dass es schlimm wird, haben wir angesichts fast täglicher Einbruchsmeldungen befürchtet, dass es so schlimm wird nicht“, sagt Brambach: „Der Schaden hat sich binnen eines Jahres fast verdoppelt. Unsere Betriebe werden anscheinend immer mehr zu Selbstbedienungsläden für Kriminelle.“ 1.304 Einbrüche und Diebstähle in und aus Autohäusern und Kfz-Betrieben bestätigt das Innenministerium für 2014. 2013 waren es 1.202 Fälle. Was das Kfz-Gewerbe schockt, ist aber nicht so sehr die Zunahme um rund 100 Fälle binnen eines Jahres, sondern dass sich die Schadenhöhe mit fast zwölf Millionen Euro fast verdoppelt hat und jetzt erstmals im zweistelligen Bereich liegt. „Geklaut wird alles“, sagt der Verbandspräsident, „komplette Radsätze, Katalysatoren, Lenkräder, Airbags, Motorhauben, Navis – aber immer gleich mehrfach. Für uns sieht das sehr nach organisierter Kriminalität aus. Wenn auf einen Schlag ganze Reifenlager ausgeräumt und in Transporter verladen werden, dann muss es dafür ja Abnehmer geben.“ Vom Land fordert er namens des Kraftfahrzeuggewerbes, den „Schutz der Autohäuser zur Chefsache zu machen. Abschreckende Wirkung hat das derzeitige Konzept auf das organisierte Verbrechen offenbar nicht. Regelmäßige Streifenfahrten durch die Gewerbegebiete wären wahrscheinlich hilfreicher.“ Denn auffällig sei vor allem bei den Diebstählen mit hoher Schadenssumme, „dass die Täter oft in aller Ruhe auf- und einladen können, weil sie keine lästigen Polizeistreifen mehr fürchten müssen.“ Wenn Innenminister Gall inzwischen mehr Polizei wegen der riesigen Zahl von Wohnungseinbrüchen angekündigt habe, „ist das gut, aber er sollte die Autohäuser nicht links liegen lassen, sondern auch da etwas tun. Gerne mit uns zusammen, wir haben die Zusammenarbeit angeboten.“

 

Politik sorgt für Investitionsstau und Stau auf den Straßen 

Der tägliche Stau rund um die baden-württembergischen Ballungsräume ist für das baden-württembergische Kraftfahrzeuggewerbe „das Ergebnis einer Politik, die mehr auf dem Glauben beruhte, dass Autos verschwinden, wenn keine Straßen gebaut werden, als auf dem schlichten wissenschaftlichen Fakt, dass es ohne Autos nicht geht“, sagt Pressesprecher Klaus Heschke. Der Nonsens-Satz „Mehr Straßen schaffen mehr Verkehr“ schlage jetzt auf seine Urheber zurück: „Der Kraftfahrzeugbestand hat auch bei weniger neuen und maroden Straßen 2014 einen neuen Rekordstand erreicht.“

Das liege ganz einfach daran, dass Pkw und Lkw das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolges Baden-Württembergs seien. Moderner ÖPNV und ein funktionierendes Straßensystem gehörten zusammen: „Was haben wir jetzt? Einsturzgefährdete Brücken, Schlaglöcher und Buckelpisten, überlastete Straßen, überfüllte S-Bahnen und Menschen, die einen wichtigen Teil ihres Lebens damit verbringen zu warten, dass es endlich weiter geht.“ Wenn die Politik die jetzige Niedrigzinsphase nicht dazu nutze, massiv in zukunftssichere Infrastruktur zu investieren, versage sie.

 

Freier Informationszugang für Freie Werkstätten 

Um für die Kfz-Betriebe gleiche Chancen im Wettbewerb zu sichern, fordert der Verband des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg den Verkehrsminister auf, sich für den freien Informationszugang zu Fahrzeuginformationen für alle Kfz-Betriebe einzusetzen. „Die Hersteller haben eine Innovationswelle gestartet, die zu immer komplexeren Fahrzeugen führt, die immer mehr Funktionen übernehmen.  Das Auto erlebt gerade eine Evolution, die einer Revolution gleicht“, sagt Heschke. Die Kehrseite der Medaille sei, dass diese Systeme auch dazu dienen können, den Markt gegen den Wettbewerb abzuschotten. Deswegen seien Rahmenbedingungen und Standards notwendig, „die auch den Freien Werkstätten den Zugang zu diesen Daten sichern und dem Kunden weiterhin die freie Werkstattwahl ermöglichen.“ Jahrelange Entscheidungszeit habe die Politik nicht: „Wir sind ein hochmodernes Gewerbe, da muss sie sich anstrengen, Schritt zu halten.“ Das gelte auch bei der Unterstützung der technischen Entwicklung: „Wir sind auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto, aber die schwäbischen Testfahrzeuge drehen in Kalifornien ihre Runden. Testfahrten auf schwäbischen und badischen Landstraßen – das ist der wahre Praxistest und der muss möglich sein.“

 

Die Innovation im Auto sei wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg der Autohäuser und Kfz-Betriebe: „Sie schafft den Bedarf, vorhandene Autos durch neue zu ersetzen. Sie ist heute das entscheidende Kaufargument. Diese Ersatzbeschaffung hilft auch der Umwelt, denn jede neue Autogeneration verbraucht weniger.“ Umweltschonende Produktion inklusive, „denn die Wiederverwertungsquote des Autos liegt laut Bundesumweltministerium ohne die Gebrauchtwagenexporte in andere Länder deutlich über 90 Prozent – das Auto ist also ein nachhaltiges und umweltfreundliches Produkt.“

 

Tarifabschluss mit Augenmaß sorgt für sichere Arbeitsplätze

„Hochmoderne Neufahrzeuge, eine breite Basis von Pkw, Lkw, Motorrädern und anderen Fahrzeugarten im Kraftfahrzeugbestand, hochmoderne Ausbildungsplätze, begehrte Fachkräfte, die Lage im Kraftfahrzeuggewerbe Baden-Württemberg macht Hoffnung auf ein stabiles Jahr 2015,“ sagt Dr. Harry Brambach. Mit einer Einschränkung: „Die Säule des Geschäftes ist für viele unserer Mitgliedsbetriebe das Werkstattgeschäft. Dieses ist, was die Preise angeht, aber ein sensibler Bereich.“ Die Innungsbetriebe lebten davon, dass bei ihnen Qualität und Preis-Leistungsverhältnis stimmen. Das heiße für die laufende Tarifrunde, „wir wollen die Beschäftigten am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben lassen, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht überziehen und nichts verteilen, das wir nicht haben“. Er setze auf einen angemessenen Lohnabschluss wie in früheren Jahren auch: „Unsere Beschäftigten wissen sehr genau, wie ihre Betriebe laufen, und damit weiß es die IG Metall auch.“

Auch dem Thema Bildungszeitgesetz stehe man kritisch gegenüber. Die Kfz-Betriebe wüssten selbst, wie ihre Mitarbeiter qualifiziert werden müssen. „Zudem hat sich in den Bundesländern, die bereits ein Bildungszeitgesetz haben, der eigentliche Zweck des Gesetzes, eine Verbesserung der Arbeitsmarktsituation insbesondere Geringqualifizierter, nicht erfüllt“, so Brambach.

Die Attraktivität des Kraftfahrzeuggewerbes als Arbeitgeber sei hoch, „die neueste Studie des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) belegt dies“, sagt Heschke. „Der Kraftfahrzeugmechatroniker steht bei den jungen Männern ganz oben und bei den Mädchen ist aufsteigende Tendenz zu beobachten, wenn bei diesen auch die Automobilkauffrau noch höher im Kurs steht.“ Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) meldete für Baden-Württemberg zum 30.09.2014 mit 2.586 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen für Kfz-Mechatroniker und Kfz-Mechatronikerinnen 207 mehr als 2013. "Wir profitieren davon, dass wir unsere Ausbildungsberufe permanent fortentwickeln. Eine Ausbildung im Kfz-Gewerbe eröffnet Jugendlichen vielseitige Karrierewege bis hin zum Studium. Dazu kommt das freundliche Arbeitsumfeld in den Betrieben. Dass die Arbeit Spaß machen muss, ist für die Jugendlichen heute wichtig. Deswegen kommen sie zu uns."